„Grüner Stahl“ steht für Herstellungswege, die kohlebasiertes Eisenmachen durch CO₂-armen Wasserstoff und erneuerbaren Strom ersetzen. 2026 liegt der Schwerpunkt vor allem auf der wasserstoffbasierten Direktreduktion von Eisenerz (DRI) in Kombination mit Elektrolichtbogenöfen (EAF) – ein realistischer Pfad zu deutlich niedrigeren Emissionen, sofern saubere Energie in industriellem Umfang tatsächlich verfügbar ist.
In der klassischen Hochofenroute liefert Koks sowohl Prozesswärme als auch Kohlenmonoxid, um Sauerstoff aus dem Eisenerz zu entfernen. Bei der Wasserstoff-DRI werden diese Aufgaben getrennt. Erzpellets durchlaufen einen Schachtofen, in dem Wasserstoff mit Eisenoxiden reagiert und metallisches Eisen sowie Wasserdampf entsteht.
Die Chemie ist gut verstanden, doch industriell anspruchsvoll ist die kontinuierliche Bereitstellung großer Wasserstoffmengen mit stabiler Reinheit und Temperatur. Gleichzeitig müssen die Reduktionsbedingungen so konstant bleiben, dass es nicht zu Anbackungen, Agglomeration oder ungleichmäßiger Metallisierung kommt.
Die Erzqualität wird wichtiger, als viele erwarten. Festigkeit der Pellets, Verunreinigungen und das physische Verhalten im Schachtofen beeinflussen Wirkungsgrad und Stabilität direkt. Deshalb setzen DRI-Konzepte mit hohem Wasserstoffanteil oft auf DR-Pellets mit hoher Qualität und strengere Kontrolle in der vorgelagerten Aufbereitung.
Wasserstoff lässt sich leicht erklären, aber schwer in industriellem Maßstab zuverlässig liefern. DRI-Anlagen brauchen einen durchgehenden Gasstrom, während erneuerbare Stromerzeugung schwanken kann und Elektrolyseure betriebliche Grenzen haben. Damit wird Speicherung zu einer Kernanforderung des Gesamtsystems.
Im Jahr 2026 arbeiten viele Großprojekte mit gestaffelten Hochlaufkonzepten. Häufig beginnt der Betrieb mit Mischgas oder einem begrenzten Wasserstoffanteil und steigt erst dann schrittweise, wenn Produktion, Netzanbindung und Logistik ausreichend ausgebaut sind.
Für Abnehmer ist entscheidend, ob die Versorgung belastbar abgesichert ist: langfristige Stromlieferverträge aus erneuerbaren Quellen, klar geregelter Netzzugang und Pufferkapazitäten, die den Ofenbetrieb auch bei kurzfristigen Schwankungen stabil halten.
Ein Elektrolichtbogenofen schmilzt metallischen Einsatzstoff mit elektrischer Energie. Traditionell ist das vor allem Schrott, bei wasserstoffbasierten Routen jedoch häufig eine Mischung aus Schrott und DRI, um Restverunreinigungen zu senken und die Chemie gezielter steuern zu können.
Einen EAF „mit erneuerbarem Strom“ zu betreiben ist mehr als eine Frage von Nachweisen. Erforderlich sind stabile Netzanschlüsse, langfristige Strombeschaffung und oft zusätzliche Infrastruktur, um Lastspitzen zu managen und die Versorgungssicherheit zu erhöhen.
2026 wirken sich Strompreisvolatilität und Netzengpässe direkt auf die Wettbewerbsfähigkeit aus. Daher gelten diejenigen Vorhaben als besonders solide, die Elektrizität als technisch geplanten Industrieinput behandeln – inklusive Leistungsprofil, Absicherung und Reserven.
Aussagen zu „erneuerbarem EAF-Stahl“ hängen davon ab, wie Strom stundenweise beschafft und zugeordnet wird. Physische Zuordnung, langfristige PPAs und transparente Emissionsbilanzierung sind deutlich aussagekräftiger als pauschale Etiketten.
Auch regulatorisch steigt der Druck auf belastbare Produkt-Fußabdrücke. Für CO₂-ärmere Güten werden Grenzen (Scopes), Zuteilungsregeln und unabhängige Prüfungen zunehmend relevant, weil Käufer vergleichbare und nachvollziehbare Daten erwarten.
Selbst bei erneuerbarem Strom bleiben Restemissionen bestehen – etwa durch Elektroden, Legierungszusätze, Kalk, Logistik und die vorgelagerte Pelletproduktion. Glaubwürdigkeit entsteht, wenn offengelegt wird, was einbezogen ist und was als Rest verbleibt.

Europas Leitprojekte für wasserstoffbasierten Stahl zeigen Fortschritte, aber auch klare Engpässe. Mehrere Großanlagen peilen Inbetriebnahmen um 2026 an und verbinden Elektrolyse, DRI-Erzeugung und EAF-Stahlherstellung zu integrierten Konzepten.
Diese Zeitpläne spiegeln praktische Industrieplanung wider: Genehmigungen, Netzverstärkungen, Wasserstoffinfrastruktur und Beschaffung von Großkomponenten bestimmen, wie schnell CO₂-ärmere Produktion über Pilotmengen hinaus wachsen kann.
Der wichtigste Flaschenhals bleibt die Verfügbarkeit sauberer Energie zum passenden Preis und in ausreichender Menge. DRI mit Wasserstoff plus EAF ist im Kern ein Elektrifizierungspfad – sein Klimanutzen hängt davon ab, dass Strom und Wasserstoff tatsächlich CO₂-arm sind.
Beginnen Sie mit Prozessklarheit: Wasserstoff-DRI plus EAF ist nicht dasselbe wie Teilumstellungen im Hochofen. Entscheidend sind der konkrete Reduktionsweg, der reale Brennstoffmix und die Frage, ob Wasserstoff im Betrieb tatsächlich den dominierenden Anteil stellt.
Danach zählen Zahlen im Kontext. Prozentangaben beziehen sich meist auf konventionellen Hochofenstahl und setzen erneuerbaren Strom sowie CO₂-armen Wasserstoff voraus. Wichtig sind deshalb Methode, Systemgrenzen und die Datenbasis, nicht nur die Kennzahl.
Zum Schluss hilft der Blick auf die Marktrealität: In der Hochlaufphase sind Volumina oft begrenzt, Mischbetriebe möglich und Zertifizierungen im Aufbau. Seriöse Anbieter beschreiben diese Übergangsphasen transparent und liefern nachvollziehbare Nachweise zu jeder gelieferten Güte.